Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Frage der Sinnstiftung für viele eine immer wichtigere Rolle spielt und die Arbeit neu verhandelt wird. Unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ sollen ehemals getrennte Welten, bestehend aus Mensch, Maschine und Produkt, digital und hoch vernetzt zu einem sinnvollen Ganzen zusammengefügt und gleichzeitig eine neue Unternehmenskultur eingeführt werden. Doch leider zeigt mir meine Cap nahezu täglich, dass die gern zitierte „Unternehmenskultur 4.0“ vielerorts nur ein Schlagwort ist – und in den kommenden Jahren allem Anschein nach auch bleiben wird. Ein wirkliches „Umdenken“ hat bisher nur bei den wenigstens Unternehmen stattgefunden.

Seit meiner Kindheit folge ich dem Trend der sogenannten Cap, die erstmals von Baseballspielern im Jahre 1849 bei einem Spiel in New Jersey getragen wurde. Was der genaue Auslöser dieser Vorliebe war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Doch es war vermutlich eine dieser Rebellionen gegenüber meiner Eltern, denn damals mochte mein Vater Caps genauso wenig wie viele Unternehmenskulturen noch heute. Dabei dachte ich immer, dass der Spruch – „Kleider machen Leute“ – von Gottfried Keller in der Unternehmenswelt längst überholt sei, schließlich waren bzw. sind es Persönlichkeiten wie Steve Jobs oder heute Marc Zuckerberg, die in Rollkragenpullover und New Balance 991 Sneaker oder in grauem T-Shirt die Welt nachhaltig verändern.

Zwar mag die Industrie 4.0 im entferntesten in Deutschland angekommen sein, doch die Unternehmenskultur 4.0 steckt noch in den Kinderschuhen. Ein Phänomen, dass ich oft auch auf meinen Reisen immer wieder beobachten muss, wenn ich mit meiner Cap und Kopfhörer auf dem Kopf auf diversen Veranstaltungen unterwegs bin. Noch immer sind Krawatte, Anzug und „Sehr geehrter Herr Doktor“ die Regel. Dabei sind es doch vor allem Ideen und Visionen, die in der heutigen Zeit sexy machen – und keine Attitüden der Vergangenheit. Doch noch immer scheinen Vorstandsvorsitzende, Geschäftsführer und Führungskräfte daran zu glauben, dass die gesamte Unternehmenswelt eine einzige Bankfiliale ist.

In Deutschland gibt es nur wenige Unternehmen, die zeigen, dass es auch anders geht. Eines dieser Unternehmen ist zum Beispiel die Daimler AG, die sich in den letzten fünf Jahren stark verändert hat. Mittlerweile sucht man hier vordergründig den Austausch per „Du“ und auf Augenhöhe, hintergründig die Brücke in die digitale Zukunft. Allem voran der Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche, der seitdem er regelmäßig im Silicon Valley zu Gast ist, sich immer häufiger in Jeans und Sneaker bei Presseveranstaltungen zeigt – und sich mit seinem Schnauzer zu einer echten Personenmarke entwickelt hat.

Doch insgesamt scheint in Deutschland die Angst vor Veränderung noch immer groß zu sein. Sicher ist jedoch, dass eine Industrie 4.0 nicht nur durch die Digitalisierung von Arbeitsabläufen oder den Kauf neuer Technik geschieht. Auch kulturell muss sich im Unternehmen vieles verändern – und da stehen wir noch ganz am Anfang...